Der Flughafen Tempelhof wird schließen. Wolfgang Büser, bekannt als Gesundheitsexperte im ARD-Morgenmagazin, findet in der Anmoderation keine Worte auf die Frage, was nun aus dem Gelände werden soll. Kopfschütteln, Unverständnis und sichtbare Verachtung ist zu erkennen.
Im Radio läuft die Satire „Wowi am Morgen“. Auf die Frage warum nicht alle Berliner zu der Gala geladen sind antwortet er: „Wieso denn, sie sind doch alle geladen, aufgeladen!“ – er wird es an diesem Tag noch zu spüren bekommen wie die Berliner geladen sind. Die Sicherheitsbehörden sind auf höchster Alarmstufe. Am Vortag sind Rundschreiben aufgetaucht mit dem 30.10.2008 als Todestag von Klaus Wowereit. Ein Fall für den Staatsschutz. So verächtlich derartige Schreiben sind, sie stoßen auf Kopfnicken und hasserfüllte Blicke.
War es nicht er, der die Abstimmung zum Volksbegehren dahingehend beeinflusst hatte, dass er ein Ergebnis nicht respektieren würde? War es nicht auch er, der sich trotz stichhaltiger Argumente und belastbarer Angebote nicht von seinem dickköpfigen und uneinsichtigen Kurs hat abbringen lassen? Ist dies demokratisch?
Mein Weg führt mich schon um 10 Uhr morgens zum Flughafen. Keine 10 Minuten dauert die Fahrt durch Nieselregen und tief hängende Wolken. Als Anwohner in der Einflugsschneise durfte ich aktiv am Flugverkehr teilnehmen, jeden Tag, 24 Stunden lang. Doch alle haben sich daran gewöhnt. Im Gegenteil, jetzt wird man etwas vermissen, während man sich an den Dauerlärmpegel der Hermannstraße nie gewöhnen wird. Wird nun die Hermannstraße auch geschlossen?
Am Flughafen angekommen schlagen einem abgespannte und traurige Gesichter entgegen, abgesehen von dynamischen Aufbauteams der Eventfirmen, die für das Wohl der 800 Gäste sorgen sollen. Sie liefern, bauen und sperren die Halle für das „gemeine“ Volk.
Der Satz des Tages lautet: „Es kann doch wohl nicht wahr werden?“ Die Annäherung an diesen Tag war schwer genug, die Annäherung an das Ende des heutigen Tages wird fast unerträglich. Am Eingang zur Haupthalle stehen wütende und dem Weinen nahe Berliner. Sie werden vom Sicherheitsdienst abgewiesen. Dieser zeigt schon fast Verständnis für die Gefühle die sich hier ausbreiten, doch er hat seine Anweisungen.
Gegen 12 Uhr zeigen sich die Konturen des „Partyaufgebotes“ für eine Abschiedsfeier. In den Hangars sind die Mieter am Aus- und Aufräumen. Fahrzeuge werden abgeholt und die letzten Maschinen machen sich zum Abflug bereit. Doch das Wetter spielt nicht mit. Tiefhängende Wolken in knapp 90 Metern Höhe machen jeden Abflugversuch nach Sichtflug zunichte. Einige Jets verlassen THF, sind nach dem Abheben sofort in der dunklen Wolkendecke verschwunden. Keinen letzten Blick für die Piloten oder Gäste. Der Himmel weint und verschließt sich für das letzte Dutzend Flugzeuge in THF.
Gerüchte machen die Runde, wonach jedes verbleibende Flugzeug mit dem Tieflader abgeholt werden soll. Jeder versucht weg zu kommen. Die Situation ähnelt Saigon, beim Abzug der Amerikaner aus Vietnam im April 1975. Es wird immer dunkler. Mich packt ein Abflug der DC3 zu einem Rundflug. Auch ich werde nun eine Cessna C172 aus dem Kriegsgebiet „Wowereit gegen Berlin“ wegfliegen. Der letzte Abflug schmerzt und ich bestätige Bruce Christies Freigabe: “cleared last take off 27R“!
Vor dem Tower eine Rechtskurve und über dem Vorfeld Richtung Süden nach SXF, dem „Rückzugsgebiet“ der Flugzeuge aus THF. Vier Minuten und es folgt die Landung in einem verregneten SXF. Schon das Abrollen von der Piste 25 birgt Risiken. Im Regen ist kaum der Abrollweg zu erkennen. Ein follow me bringt uns hektisch zur Halle 3 und verschwindet auch ebenso schnell wieder. Er ist der einzige follow me für den gesamten Südbereich. Vom Hangar führt uns der Weg durch tiefe Pfützen, getränkte Wiesen und dunkle Pfade ins GAT. Dort stehen gut ein Dutzend Gäste. Teils warten sie schon seit 25 Minuten auf eine Taxe, sofern sie überhaupt kommt. Die Abfertigung nennt als Fahrzeit in die City 20-25 Minuten. Schmunzeln bei den Gästen, 45 oder mehr wird es dauern.
Wir werden aus SXF abgeholt. Allein bis zum Flughafen Tempelhof, dauert die Fahrt 30 Minuten, ohne Stau und eben zügig. Auf dem Vorfeld in THF tummeln sich immer mehr Menschen und Aviaten, die ihren letzten Abschied suchen. Währenddessen formieren sich die Gegner vor dem Flughafengelände. Der Sicherheitsdienst wird von gut 100 Polizisten unterstützt.
Etwa 300 „betrogene“ Berliner sind es schon um 18 Uhr. Über 500 werden es noch. Sie begrüßen die Gala-Gäste mit Pfiffen, Buhrufen und Plakaten. Es ist ein Spießrutenlauf vorbei an enttäuschten Bürgern. Die Polizei hält sich zurück. Es sind teilweise 70- und 80-jährige Alt-Berliner darunter. Honorige Menschen mit tiefer Enttäuschung und großer Wut. Wut gegenüber ihrem Bürgermeister, der sich doch für das Wohl der Stadt und seiner Bürger einsetzen soll!?
Er wird später heimlich hinten über das Rollfeld vorfahren. Was für ein Auftritt!
Auf dem Rollfeld macht sich die DC6 auf den Weg nach Salzburg. Ein Abschied für die vielen Fotografen. Er wirkt schon etwas gespenstisch im Licht des Vordaches. Im GAT irren Freunde und Piloten umher und suchen nach einer Antwort auf die Frage was hier vorgeht.
In der Haupthalle beginnt die „Gala“. Die Tische sind nur zu 2/3 besetzt. Der Rest steht leer. Gut 250 Journalisten beäugen etwa doppelt so viele Gäste. Es mischt sich alles zu einer griesgrämigen Masse. Keiner will so recht lachen, keiner verspürt „Galastimmung“. Am Tisch von Klaus Wowereit „stapeln“ sich die Fotografen. Er sitzt mit einem leeren Blick am Tisch. Fünf Bodyguards sind sichtlich nervös. Sonst kommt er mit zwei aus.
Dann seine Rede. Die Halle kocht hoch und es kommen immer mehr Buhrufe, Pfiffe. Er ist teilweise nicht zu verstehen in seiner belanglosen und aussagelosen Rede. Sie ist knapp und er wusste was ihn erwartet. Daher regt sich sein Gesicht kaum. Ausdruckslos tritt er von der Bühne ab und verschwindet an seinen Tisch. Anschließend spricht Dr. Rainer Schwarz als Geschäftsführer der Berliner Flughäfen, also auch als Chef von Tempelhof. Ein Flughafenchef, der sich ohne wahren Grund seiner eigenen Kapazitäten beraubt. Einmalig in der Welt der Flughäfen – in der ganzen Welt!
Keiner applaudiert, keiner nimmt zum Schluss seiner Rede Notiz von dem was er sagt. Einmalig in der Geschichte der Berliner Flughäfen.
Zurück zum Rollfeld. Hier wird der wahre letzte Flug verabschiedet. Die D-CIRP, eine Dornier 328, als letzter Linienflug wird von den Mitarbeitern des Flughafens und der Airline verabschiedet.
So nah, als würde man die Propeller berühren, standen die rund 100 Vorfeldarbeiter, Piloten, Dispatcher, Loader, Polizisten und wer sonst noch alles. Dann, als die Piloten und Gäste in der Maschine zurückwinken, überkommt es die meisten. Tränen und tiefe Wut mischen sich und treiben den einen oder anderen hinter die abgestellten Fahrzeuge um seine Trauer zu verbergen. Als die Maschine hinter den Fontänen der Feuerwehrfahrzeuge verschwindet, verschwindet auch der eigentlich letzte Flug, zumindest für die, die THF liebten und mit ihm lebten. Auf dem Tower kommen alte Kollegen und Freunde zusammen. Bruce Chrsitie ist der dienstälteste Lotse in THF. Er wird auch den letzten Maschinen sein „farewell“ geben. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt.
Währenddessen trauert die Stadt. Vor der Haupthalle harren die 500 Berliner im Regen und ekelhaft nasskalten Klima aus. Tränen, Wut, Hass- Sprüche, Drohungen und Verzweiflung, alles sieht man in den Gesichtern der Menschen.
In der Halle jagen die Journalisten jedem Gerücht nach und warten auf Vorfälle. Doch es bleibt ruhig. Klaus Wowereit macht sich zur Flucht bereit. Ohne Aufsehen und mit schnellen Schritten flüchtet er. Anders als bei seinen üblichen Partys und Empfängen wird dies ein blamabler Abgang für den „Tempelhof-Mörder“, wie er von vielen der Gäste bezeichnet wird.
Auf dem Rollfeld ist die Situation kurz vor der Eskalation. Die Mitarbeiter sehen den Bürgermeister bei seiner Flucht über das Vorfeld und treten ihm mit schallendem Buhen und Pfiffen entgegen. Das Sicherheitspersonal ist in die Enge getrieben. Mit quietschenden Reifengeräuschen flieht er und kann sich zu Hause seines „Sieges“ freuen.
In der Halle ruft man zum „Austritt“ auf das Vorfeld auf. Die letzten „offiziellen“ Flüge machen sich bereit.
Doch die Inszenierung stößt auf Ablehnung. Die Atmosphäre ist künstlich, kühl und fad. Eine Bühne, ein Trompeter, der den Abschied akustisch begleitet. Die Gäste blicken auf die letzten Passagiere. Klaus Wowereit ist, wie oft vermutet, nicht dabei. Es hätte die Stimmung gesprengt. Die Gäste steigen ein während im Hintergrund und später vor der Bühne eine Flugschule ein Plakat entrollt. „Tempelhof bleibt – Wowereit fliegt!“ Die Presse steigt auf den optischen und mit Trillerpfeifen begleiteten akustischen Protest ein. Parallel rollen die beiden Maschinen ab. Die JU52, die DC-3, sie rollen über Taxiway North-east und East 1 zur 27R und 27L. Kurz vor 24 Uhr heben die beiden in den trüben und „weinenden“ Himmel über THF ab. Die Gäste der Gala winken, doch es ist bei weitem nicht so ergreifend wie bei der Cirrus, etwa zwei Stunden zuvor.
Dann geht jeder seines Weges. Knapp 100 Demonstranten haben draußen durchgehalten. Sie dürften durchgeweicht und müde sein, doch haben sie bis zur letzten Minute durchgehalten. Die Gala endet wie sie begonnen hat. Anteilslos und fade, „unnötig und provokant“, wie es die Berliner sagen.
Berlin hat in seinen 771 Jahren sicherlich viel erlebt. Doch die Scham, die Blamage und ein noch nicht absehbarer Schaden, verursacht durch eine Person, wird die Bevölkerung noch lange beschäftigen und vor allem belasten.
Klaus Wowereit hat uns Berlinern etwas genommen was wir liebten. Wird er dadurch irgendwann einmal einen Vorteil haben? Wir wissen es jetzt noch nicht, doch dieser schwarze Tag findet sein Ende.
Was nun auf keinen Fall geschehen darf, ist dass wir vergessen! Schon in wenigen Tagen stehen die nächsten Events Berlin ins Haus. Wir werden sehen, ob Tegel und Schönefeld Tempelhof ersetzen können.
Wir sagen schon jetzt NEIN!
Danke Tempelhof!
http://www.rogermagazin.de/roger/rog-12-08.pdf




