Quelle: ROGER LUFTFAHRTMAGAZIN, 30.10.2009
Ein Jahr nach der Schließung ist nichts mehr so wie es war: keine erfolgreiche Nachnutzung, leere Versprechen des Senats - aber vor allem eine Kulisse aus Verschleierung, Manipulation und Ignoranz.
Am 30. Oktober vor 365 Tagen hoben um 23.55 Uhr die letzten beiden Maschinen vom Flughafen Tempelhof ab. Unvergessen die Abschiedsworte von Flugkapitän Jörg Kohne im Cockpit der JU52.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) trat noch vorher auf der von ihm arrangierten
„Abschiedsparty“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit an das Rednerpult und gab seine ganz eigene Schließungsideologie zum Besten.
Die Reaktionen aus dem Publikum pfiffen ihm dabei wie ein geißelnder Hagelschauer um die Ohren.
Nicht nur, dass ein Drittel der Gästeplätze leer blieben – die anderen zwei Drittel standen auf den Stühlen und buhten den Regierenden lauthals aus.
Eine kuriose Szene – die jeder der Anwesenden so schnell nicht vergessen wird. Deutlich vor Ende der Veranstaltung rettete sich Klaus Wowereit in seine wartende Limousine und flüchtete unter anhaltenden Buhrufen sichtlich erzürnter Partygäste über das Flughafenvorfeld hinaus durch das Haupttor an der Feuerwache.
Es muss allen in Erinnerung bleiben, was seit diesem 30. Oktober 2008 mit der „Mutter aller Flughäfen“ passiert ist und vor allem, was die Wahrheit hinter der Schließung von Tempelhof ist. Ein Jahr tiefgründige Recherche war notwendig, um alle Facetten dieser größenwahnsinnigen, rein politisch motivierten und von purer Egomanie gekennzeichneten Entscheidung offenzulegen.
Wowereits Tempelhof-Größenwahn kostet Berlins Steuerzahler über eine halbe Milliarde Euro
Wahr ist, dass der Flughafen allein in 2007 einen Gesamtumsatzerlös von 32,42 Millionen Euro erwirtschaftete. Wahr ist auch, dass die landeseigene Flughafengesellschaft lediglich 150.000 Euro Pacht im Jahr für das gesamte Areal inklusive dem Gebäude zahlte. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Tempelhof waren wirklich alles andere als düster.
Das vom Senat gebetsmühlenartig kolportierte Tempelhof-Defizit entstand allein dadurch, indem die mangelhafte Vermarktung und Vermietungvon ungenutzten Teilen des Gebäudes sowie die Auswirkungen des Missmanagements auf das Plus des Flugverkehrs umgeschlagen wurde und sich am Ende der Rechnung ein Negativbetrag ergab.
Eine echte betriebswirtschaftliche „Meisterleistung“ - und jeder Berliner mußte sie notgedrungen glauben.
Im nächsten Kapitel der Flughafenschließung wurden alle Airlines mit Steuergeldsubventionen aus Tempelhof weggelockt: Teilweise wurden die Landegebühren in Tegel nahezu „verschenkt“, nur damit auch die letzten Linienflüge von Tempelhof ab sofort woanders starten und landen würden.
Den Berlinern wurde dagegen erklärt, die Airlines hätten mangels Rentabilität dem Flughafen den Rücken gekehrt – und wieder mussten es die Bürger glauben.
Angestammten Luftfahrtunternehmen wurden in mehreren Fällen schwindelerregende Geldsummen aus Steuergeldern geboten, damit sie den Flughafen freiwillig und vorzeitig verlassen würden. Diejenigen Firmen, die sich beim Standortwechsel nach Schönefeld mit Geldzahlungen unterstützen ließen, findet man dort heute unter anderem im Terminal C, wie beispielsweise den Rosinenbomber-Betreiber Air-Service-Berlin.
Doch damit war das große Geldausgeben in Tempelhof noch nicht getan.
Im weiteren Verlauf des Jahres nach der Schließung gab der Berliner Senat 35 Millionen Euro an Steuergelder aus, um die Alleinbefugnis über den Airport zu erhalten und dem Bund damit restliche Geländeanteile abzukaufen. Der Airport befindet sich nun somit in Berliner Alleinbesitz.
Damit in dem Flughafengebäude im Rahmen der vom Senat angestrebten Nachnutzung überhaupt erst Veranstaltungen stattfinden konnten, waren umfangreiche Umbauten notwendig: Wände wurden entfernt, die Hangars bekommen eine teure Warm-Umluftheizung eingebaut. Allein diese Baumaßnahmen schlagen mit über 5 Millionen Euro Steuergeldern zu Buche. Dass diese Umbaumaßnahmen in einigen Teilen des Gebäudes gegen Denkmalschutzauflagen verstießen, ist den Berlinern weitgehend verborgen geblieben.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit möchte gerne eine Zentralbibliothek für 270 Millionen Euro auf dem Flughafengelände bauen und steht in der Koalition mit diesem Vorhaben nahezu allein da. Die Haushaltsmittel dafür sind natürlich nicht vorhanden. Und Finanzsenator Ulrich Nußbaum musste unter Druck in anderen Ressorts massiv kürzen, nur um die benötigten Haushaltsreserven für die geplante Bibliothek einstellen zu können.
Und schließlich ergab eine detaillierte Berechnung in Kreisen der Regierungskoalition, dass die weiteren Tempelhof-Ausbaupläne von Klaus Wowereit die Berliner Steuerzahler sogar noch teurer zu stehen kommt als bisher angenommen: weitere 200 Millionen Euro sind notwendig, um das Gelände mit seinen Altlasten, Weltkriegserben, Bodenverschmutzungen und einer fehlenden Verkehrssicherung dauerhaft für die Öffentlichkeit nutzbar zu machen.
Der Flughafen Tempelhof wurde im Alleingang mit bewusster Täuschung der Öffentlichkeit und den Tricks eines Taschenspielers in einem Atemzug geschlossen. Und niemand konnte etwas dagegen tun. Und wie wichtig diese für Klaus Wowereit günstigen Rahmenbedingungen waren, sollte sich bald zeigen.
Das bedeutet, dass der Flughafen Tempelhof mit seiner Schließung und den Plänen von Klaus Wowereit weit über eine HALBE MILLIARDE EURO kosten wird. Und die teuren Unterhalts- und Erhaltungskosten des denkmalgeschützten Gebäudes von jährlich fast 30 Millionen Euro sind noch nicht einmal enthalten.
Nachnutzung – kein Erfolg für Wowereits Geschäftspartner
Der Berliner Senat beauftragte nach der Schließung von Tempelhof die landeseigene Immobilienmanagementfirma BIM GmbH mit der Verwaltung und Vermarktung des Flughafengebäudes und -geländes. Damit stand Klaus Wowereit nun gehörig unter Zugzwang, schließlich musste er der Öffentlichkeit doch Ergebnisse präsentieren, dass er mit der Schließung zum Wohle der Anwohner, der Berliner Bevölkerung und vor allem zum Wohle seiner Wähler und seinem Koalitionspartner DIE LINKE gehandelt hatte.
Doch auch drei Monate nach der Schließung blieben die Nachnutzungs- und Vermarktungserfolge aus. In einem Zeitungsinterview gibt der BIM-Geschäftsführer Sven Lemiss unumwunden zu, dass die kostendeckende Vermarktung von Tempelhof weitaus schwieriger ist als alle gedacht haben und dass ein deutliches Minus jedes Jahr bleiben würde.
Der Druck auf Berlins Regierenden Bürgermeister stieg durch diesen öffentlichen Offenbarungseid erneut. Die Mitarbeiter erinnern sich noch sehr genau, als Klaus Wowereit einen Tag vor Weihnachten am 23. Dezember 2008 vor Ort im Außenbüro der BIM am Flughafen auftrat und massiv Erfolge einforderte. Er ließ sich das Gelände zeigen und machte sich so zum ersten Mal ein eigenes Bild von seinem „Werk“. Gleichsam gab er bekannt, dass er sich nun auch persönlich um die Vermarktung Tempelhofs kümmern werde. Glücklich sah Klaus Wowereit an diesem Tag jedenfalls nicht aus.
Bread&Butter: Mietvertrag versteckt
Am 28. Januar 2009 um 10 Uhr war es dann soweit: Der Regierende verkündet bei einer Pressekonferenz, dass die Modemesse „Bread&Butter“ der erste Ankermieter für den geschlossenen Flughafen Tempelhof sein würde. Zehn Jahre lang, zweimal im Jahr. Und das Ganze für jährlich 1,65 Millionen Euro. Angeblich. Denn ersten Erkenntnissen zufolge zahlt die Modemesse in den ersten zwei Jahren nicht einen einzigen Cent. Ein freundschaftlicher Mietzuschuss auf Kosten der Steuerzahler wird vermutet.
Besonders imposant: Messechef Karl-Heinz Müller posierte am Tag nach der Pressekonferenz noch in einem selbstgedrehten Video auf seiner Firmenwebseite und erklärte in die Kamera seine Visionen: zum Beispiel dass er in Zukunft seine Modemesse alle paar Jahre in einer anderen Stadt auf dieser Erde stattfinden lassen möchte. Wie lange wird die Messe also in Berlin bleiben?
Und warum macht Klaus Wowereit so ein immenses Geheimnis um den Mietvertrag und schützt ihn stärker vor neugierigen Blicken als Coca Cola die eigene Brausenrezeptur?
Wahr ist, dass sich Karl-Heinz Müller und Klaus Wowereit kennen und dass eine zweimalige Modemesse im Jahr jede andere Form von langfristiger, durchdachter und wirtschaftlicher Nutzung verhindert. Wahr ist auch, dass keine der vielen Bread&Butter-Firmen laut Auskunft des Creditreform-Registers über nennenswertes Eigenkapital verfügt. Wahr ist auch, dass Bread&Butter mehrere tausend Gratis-Flugtickets an Veranstalter und Kunden schickte, damit genügend Leute den Weg nach Berlin finden würden. Die nach außen verkaufte bunte Scheinwelt „Endlich ist die Modemesse wieder in Berlin“ sah hinter den Kulissen nämlich deutlich trostloser aus.
Und während die Bread&Butter-Messe in der Vorbereitung steckte, jährte sich zwischenzeitlich am 12. Mai 2009 das Ende der Blockade in Berlin zum sechzigsten Mal. Im Roten Rathaus sahen die Planungen dazu so aus: Klaus Wowereit engagierte die ihm nahestehende Agentur Flaskamp mit dem Auftrag, diesen Tag der Offenen Tür zu veranstalten. Budget, um diesen denkwürdigen Tag würdevoll und angemessen durchzuführen, gab es natürlich nicht. Einzig die Berliner Lottogesellschaft hat aus Spieleinnahmen einen niedrigen sechstelligen Betrag zur Verfügung gestellt. Der Rest sollte durch Spenden finanziert werden. Und so machten sich die Flaskamp-Mitarbeiter auf, einen Spendenmarathon loszutreten – und mußten alsbald feststellen, dass sich die traditionsreichen Berliner Unternehmen nicht so recht mit Spendengeldern an den Schließungsvisionen des Regierenden Bürgermeisters beteiligen wollten. Das Ergebnis war eine Art Schmalspur-Ausführung des Jubiläumstages in der Halbherzig-Sonderedition, wie es ihn in Tempelhof vorher noch nie gegeben hat. Der Besucherandrang war dementsprechend und die gefühlten fünf Grillwürstchen-Pavillions machten einen verlorenen Eindruck vor dem Gebäude. Die Maßgabe der Berliner Senatskanzlei war, dass diese Veranstaltung „nichts kosten darf“ – und genau das hat jeder einzelne Besucher an diesem Tag zu spüren bekommen.
Als der Rosinenbomber um 15 Uhr seine Ehrenrunden über Tempelhof beendet hatte, machten sich alle Besucher schlagartig auf den Heimweg und der vorher so groß angekündigte Auftritt der Band „Die Puhdys“ fiel mangels Zuschauern einfach aus.
Nachnutzung löst sich in Rauch auf
Mitte Juni 2009 bezog eine weitere Wowereit-Veranstaltung das Flughafengelände: die Pyromusikale, veranstaltet von einem abtrünnigen Mitarbeiter der jährlichen Pyronale vom Berliner Maifeld. Das ehrgeizige Ziel: drei Tage lang das größte Feuerwerk-Musikfestival der Welt geben.
Messeaufbau für die Modemesse Bread&Butter. Die Veranstaltung findet nur 2 mal im Jahr statt und verhindert so eine nachhaltig wirtschaftliche Nutzung des Geländes. Die Werbemaßnahmen zu dieser eingefädelten Veranstaltung begannen schon ein halbes Jahr vorher im Winter, ausschließlich in den Haltestellen-Werbekästen der senatseigenen BVG sowie im Programm von zwei Radiosendern, deren Chefetage mit Klaus Wowereit privat sehr eng befreundet ist. Im Internet war die Veranstaltung sogar schon „fast ausverkauft“, wie auf der Pyromusikale-Webseite zu lesen war. Die drei Feuerwerk-Tage kamen – nur nicht die vielen Hunderttausend Festivalbesucher, die der Veranstalter so dringend erwartete. Mehr als 250.000 Besucher wären auf alle Fälle notwendig gewesen, um die drei Tage kostendeckend zu bekommen.
Besonderen Aufwand machte jedoch die Pyromusikale im Vorhinein: Der Lärm der Knallkörper stört die Natur- und Artenschutzzonen auf dem Gelände, der Pulverrauch war nicht mit der Umweltzone verträglich, in der der Airport nunmal liegt, und schließlich ist Lärm nach 23 Uhr in der Innenstadt generell tabu. All dieses wurde dem Veranstalter schriftlich durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zur Kenntnis gegeben. Doch auch hier zeigte sich erneut der starke Wille des Regierenden, der innerhalb des Senats die entscheidenden Weichen stellte: auf wundersame Weise gab es kurze Zeit später von einem Tag auf den
anderen keine Bedenken mehr zum Artenschutz, von einer Umweltzone war auch nie die Rede und seit wann verursachen Hanabi-Feuerblumen mit 800 Metern Durchmesser irgendwelche lärmenden Geräusche?
Eine schöne Pferde-Fassade für Tempelhof
Im Herbst 2009 folgte die nächste Großveranstaltung in Tempelhof: das Hauptstadt-Turnier des Berlin Horse Clubs. Nach eigenen Angaben ein Traditionsturnier, das schon immer in Berlin abgehalten wurde und aus Mangel an Interesse aber vor Jahren auslief. In Tempelhof lebte es wieder auf und welcher Zufall am Rande: der Berlin Horse Club wurde kurzfristig wenige Wochen nach der Schließung von Tempelhof überhaupt erst gegründet.
Und auch die zeitliche Nähe weniger Tage von Club-Gründung bis Vorankündigung der Veranstaltung durch den Senat Ende 2008 war kein Zufall. Apropos Nähe: falls es noch Nachfragen des Berlin Horse Clubs zum Veranstaltungsort Tempelhof gegeben haben sollte – die Residenz des Horse Clubs am Ku‘damm befindet sich tatsächlich nur wenige Hausnummern von Klaus Wowereits Privatwohnung entfernt.
Eines der letzten großen Events in diesem Jahr auf dem Flughafengelände war das Berlin-Freestyle-Event: eine riesige Sprungschanze vor dem Gebäude, Lautsprecher und Bildleinwände – und fast hätte die Veranstaltung wegen Besuchermangels abgesagt werden können. Am selben Wochenende fand die fest etablierte Jugendmesse „YOU“ in den Messehallen am Funkturm statt, mit Skateboardern und coolen Teens auf schnellen Brettern. Und so blieb auch diese Veranstaltung in Tempelhof weit hinter den Erwartungen zurück. In einer nachträglichen Bewertung gab dann auch die Sprecherin des Veranstalters im Pressestatement zu, dass man sich ein wenig mehr Besucher gewünscht hätte. Eine starke Untertreibung für das intern kursierende Wort „Totalausfall“.
Eine andere Idee der Nachnutzung kommt dagegen aus dem Hause Junge-Reyer, SPD. Die Stadtentwicklungssenatorin hatte schon im Januar diesen Jahres von Ihren Plänen Reden gemacht, auf dem Freigelände einen Ort der Begegnung in Form eines Wiesen- und Blumenmeeres zu schaffen.
Am 3. und 4. Oktober 2009 sollte es soweit sein – mehrere dutzend Sicherheitskräfte waren bestellt, um begleitete Führungen über das Gelände anzubieten. Reisebusse standen abfahrbereit, um Bustouren über die Runways durchzuführen. Ein internes Rundmailing kündigte „mehrere Tausend Bürger“ an, die das Freigelände begehen wollten. Das Bürgerinteresse wich aber auch hier wieder eklatant vom Wunschdenken des Senats ab: Mieter im Gebäude mit der Fensterfront hinaus auf das Flugfeld wissen einhellig von „eher wenigen hundert Menschen“ zu berichten, die in den Weiten des Geländes kaum auszumachen waren. Besonders interessant vielleicht noch der Hinweis, dass Ingeborg Junge-Reyer diese Öffnungsversuche des Geländes als „Bürgerbeteiligung“ bewirbt. Es darf mitbestimmt werden, was mit dem Gelände passieren soll. Doch ironischerweise haben die Bürger bereits mehrfach abgestimmt. Und die Stimm-Mehrheiten waren jedes Mal eindeutig, jedoch leider anders als vom Roten Rathaus gewünscht.
Ruf nach Ideen – ohne Antwort
Und in dasselbe Ressort wie die Geländeöffnung fällt auch der berühmte „Call for ideas“. Im Dezember 2008 brannte bei vielen Berliner Architekten und Bürgerinitiativen noch bis in die frühen Morgenstunden das Licht: jeder wollte sich an diesem Ideenwettbewerb der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zur Gestaltung des Nord-Ost-Geländeteils von Tempelhof beteiligen.
Die Fachfrau für diese Aufgabe: Regula Lüscher aus der Schweiz. Anerkanntermaßen kennt sie sich mit der Raumordnung und Umgestaltung aus und geduldig hörte sie sich alle vorgetragenen Vorschläge und Beamerpräsentationen an – sogar ein Berg sollte inmitten des Geländes entstehen.
Und ein Rotlichtmillieu-Projekt war ebenfalls dabei, es wurde von ihr sogar als besonders lobenswert hervorgehoben. Ebenfalls eingereicht wurde unter dem Stichwort „Flugpark Berlin” ein in allen Aspekten umsetzungsfertiges Konzept, bei dem der Flughafen Tempelhof als Ausweichflughafen in Berlin bzw. als Verkehrslandeplatz für die Allgemeine Luftfahrt inklusive der Business-Aviation weiterbetrieben worden wäre. Das Vorhaben sah zusätzlich die Einrichtung eines Live-Museums mit historischem Fluggerät und vereinzelten Flugschauen vor.
Allen Teilnehmern wurde schriftlich zugesichert, dass man sich zeitnah wieder in Verbindung setzen wolle… Heute nach einem halben Jahr spricht keiner mehr über den „Call for ideas“… im Sande verlaufen. Sendepause. Nie da gewesen.
Und auch dieser Versuch Junge-Reyers bleibt noch zu nennen: die große Internationale Gartenschau auf dem Flughafen Tempelhof im Jahr 2017.
Das bereits zitierte Blumen- und Wiesenmeer, die nach Meinung Junge-Reyers von den Berlinern so dringend verlangte Begegnungsstätte, soll nun Wirklichkeit werden. Was jedoch kam, war eine sehr nüchterne Reaktion: schon in der ersten Runde wurde der Berliner Bewerbung um die Veranstaltung auf dem Aiportgelände eine Absage erteilt.
Ingeborg Junge-Reyer muß sich also nun nochmal Gedanken machen.
Es sind allein acht Versuche eines Bürgermeisters und seiner Stadtentwicklungssenatorin aufgezählt, die ihr selbst geschaffenes Problem Tempelhof mit aller Macht, schnell gestrickten Lösungen und mit vielen Geschäfts-FREUNDEN in den Griff zu bekommen versuchen. Ohne Erfolg. Weder der Gebäude-Vermarkter Wowereit noch seine Geländewiesen-Beauftragte Junge-Reyer haben es mit ihren Plänen bisher geschafft, die Bürger, geschweige denn die Veranstalter, von Tempelhof zu überzeugen.
PR für Klaus Wowereit
Das Schmierentheater rund um die Nachnutzung Tempelhofs funktioniert jedoch erst mit der richtigen PR-Maschinerie im Rücken perfekt.
Da wurde es für Klaus Wowereit nach möglichen Versprechungen an seine Veranstaltungskunden eng: die meisten auflagenstärksten Titel in Berlin haben schon früh gezeigt, was von der Schließung Tempelhofs zu halten ist. Hier war keine positive Berichterstattung zu erwarten.
Natürlich gut für Klaus Wowereit, dass die Programm-Chefetage der RTL-Sender hier in Berlin (104.6 RTL und Spreeradio) zu seinem engsten privaten Freundeskreis zählen. Man trifft sich privat und feiert gemeinsame Geburtstage. So gaben also zwei einzelne Radiosender in dieser Stadt jeweils bereitweillig ihre Logos für eine Medienpartnerschaft heraus und schalteten zusätzlich jede Menge Spots und Liveteaser im Programm zur Pyromusikale, dem Freestyle-Event und verlosten sogar Eintrittskarten en masse. Schon fast anbiedernd wirkten die stündlichen Hinweise auf die vielen Gratis-Einladungen, wenn man denn rechtzeitig im Studio anrufen würde, um zu gewinnen.
Genutzt hat es freilich nichts, der Massenandrang fiel jedes Mal aus.
Eine weitere senatsgewogene Medienmacht in der Spreemetropole stellt der Berliner Verlag dar. Dieser betreibt im Auftrag der Senatskanzlei die Berlin-Webseite „berlin.de“, die erste Adresse für alle Bürgerinnen und Bürger Berlins zum Thema Senat, Verwaltung und Hauptstadt. Deshalb verwundert es natürlich nicht, dass die Titel dieses Verlages öfter mal unauffällig positiv über die rosige Zukunft und die „erfolgreichen“ Veranstaltungen am Tempelhofer Flughafen berichteten.
Volksabstimmung ohne Konsequenzen
Es war eine der Errungenschaften der roten Politik: das Volk sollte auch während einer Legislaturperiode abstimmen dürfen. Dafür wurde das Instrument „Volksbegehren“ bzw. „Volksentscheid“ erfunden.
Und plötzlich wendete sich dieses Instrument gegen seinen eigenen Herrn – ALLE Abstimmungen zu Tempelhof waren nämlich eindeutig: keine Schließung.
In allen Abstimmungen (April 2008, ICAT und Juni 2009, Be-4-Tempelhof.de) gab es jeweils mehr Zustimmung als Ablehnung für eine Offenhaltung.
Und in der ersten Abstimmung 2008 wurde berlinweit sogar so oft pro Tempelhof angekreuzt, dass am Ende diese Stimmenanzahl höher lag als die der SPD-Stimmen bei der letzten Abgeordnetenhauswahl.
Für einen loyalen Politiker wäre das ein Warnsignal gewesen. Für Klaus Wowereit nicht. Er wurde nicht müde, zu erklären, dass er sich an das Ergebnis egal welcher Abstimmung niemals halten würde.
Tat er am Ende auch nicht. Ist Klaus Wowereit noch ein Vertreter des Volkes?
Nachdem die Berliner Bevölkerung das überaus teure Steuerzahlerdesaster rund um den geschlossenen Airport lange genug mit ansehen musste, sollte es in 2009 noch eine weitere berlinweite Abstimmung zu Tempelhof geben: Weltkultur-Erbe-Status sowie Ausweichflughafen wurde von den Initiatoren „Be-4-Tempelhof.de“ gefordert.
Die Einleitung des Volksbegehrens war angemeldet und auch vom Senat mit Wortlaut und Inhalt abgesegnet. Fast ein halbes Jahr wurden fleißig Stimmen gesammelt. Jedoch: als die notwendige Unterschriftenzahl zusammenkam und das endgültige Volksbegehren hätte stattfinden müssen, kam von Klaus Wowereit an seinen treuergebenen Innensenator Ehrhart Körting, SPD, eine Anweisung – und dieser ließ nachträglich die Kernpunkte „Luftfahrt“ und „Ausweichflughafen“ kurzerhand aus dem bereits gestarteten Volksbegehren-Verfahren entfernen. So etwas nennt man gerade heraus Manipulation.
Wer sich einmischt, bekommt unangenehmen Besuch
Auch Berliner Unternehmen bekamen die Machtkontrolle von Klaus Wowereit zu spüren. Diejenigen Firmen, die die Abstimmungen zu Tempelhof mit Sponsorgeldern unterstützen, hatten im Anschluss nach eigenen Angaben auffallend häufig die Steuerprüfung im Haus. Mit besonderer Härte traf die Dünnhäutigkeit des Regierenden Bürgermeisters beim Thema Tempelhof diejenigen Unternehmen der Luftfahrt, die sich für ein zukunftsfähiges Gesamtkonzept vor Ort engagierten. Private Webseitenbetreiber, die im Internet ihre persönliche Sicht der Dinge zu Wowereit und seiner Politik äußerten, bekamen es mit einer ganzen Armada von Wowereit-Anwälten zu tun, verbunden mit hohen Kosten und angekündigten Gerichtsverfahren. Einschüchtern, Drohen, Machtkontrolle und Manipulation – sind das die Merkmale der Wowereitpolitik?
Der Flughafen-Skandal
Klaus Wowereit ist Chef der Berliner SPD, Chef der Landesregierung, Chef der Berliner Verwaltung und gleichzeitig auch Aufsichtsrats-Chef der Berliner Flughäfen sowie des BBI-Projektes in Schönefeld. Eine auffällige Anhäufung von Posten, die es möglich machten, dass der Regierende Bürgermeister quasi im Alleingang und ungefragt über das Schicksal Tempelhofs entscheiden konnte. Er musste auch niemanden fragen, als er seiner eigenen „Firma“, die Berliner Flughafen GmbH, den Befehl gab, Tempelhof stillzulegen. Er musste weiterhin niemanden fragen oder um Erlaubnis bitten, als er entschied, dass Tegel dringend geschlossen werden müsse.
Klaus Wowereit hat immer argumentiert, dass eine Schließung Tempelhofs für die Planungssicherheit von BBI notwendig sei. Stimmt das denn überhaupt?
Garniert wurden seine Schließungspläne mit dem angeblich hohen Sicherheitsrisiko, der Lärmbelastung für die Anwohner. Hatte er sie jemals gefragt? Klaus Wowereit hatte noch nie irgendjemanden gefragt.
Fakt ist jedoch: Im sogenannten Konsensbeschluss von 1996, der unter dem damaligen Bürgermeister
Eberhard Diepgen, CDU, verfasst und unterschrieben wurde, stand lediglich, dass bei einer Eröffnung von BBI die anderen Flughafenstandorte Tegel und Tempelhof geschlossen werden „können“ und nicht „müssen“.
Es hätte zu einer weisen und vorausschauenden Politik gehört, sich für Berlin einen eigenen Luftfahrt-Plan „B“ zurecht zulegen, falls sich einmal die Entwicklung des Luftverkehrs in der Hauptstadtregion verändern sollte. Doch Klaus Wowereit mit der Mentalität eines skrupellosen Casino-Besuchers braucht keinen Plan „B“ – er setzte alles auf eine Karte und zog sein Spiel gnadenlos durch.
Auch im Roten Rathaus selbst hatte er keine Gegenwehr in den entscheidenen Abteilungen zu befürchten: Denn die Vermischung von Privatsphäre und Amtsfunktion im für den Fall Tempelhof so zentralen Rathaus-Ressort „Luftfahrt“ war für Wowereit durchaus kein Tabu.
Hatte die freundschaftliche und private Beziehung zur unteren Mitarbeiterebene eine möglicherweise besondere Auswirkung auf den ungestörten und reibungslosen Schließungsprozess des Zentralflughafens? Bei einem internen persönlichen Gespräch hat die Berliner Senatskanzlei übrigens eingestanden, dass die Schließung Tempelhofs eine „Form unserer Interpretation der Sachlage“ war.
Wie kann eine solche wichtige Entscheidung allein auf einer „Interpretation“ beruhen? Jeder erfolgreiche und verantwortungsvolle Unternehmer lässt sich unzählige Berater kommen und kann nächtelang nicht schlafen, ehe er die Entscheidung für die Aufgabe seines Firmenstandortes fällt. Und Klaus Wowereit? Sie werden es ahnen…
Klaus Wowereit brauchte natürlich keine Berater, als er Tempelhof für immer schloss. Und gut geschlafen hat er auch.
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